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Ferencvárosi TC – Újpest FC 3:1 (1:1)

Sonntag, 22.09.2013, 16:30 Uhr, Puskás Ferenc Stadion, Budapest, Nemzeti Bajnokság I (8. Spieltag, 1. Liga, Männer)

Zuschauer_innen: 22.094 (offiziell)

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Nur drei ungarische Vereine konnten dabei bisher 20 oder mehr Titel erringen. Zwei von ihnen, Ferencváros und Újpest, sollten an diesem Sonntag im Budapester Derby aufeinandertreffen. Ferencváros gilt als größter, populärster und erfolgreichster Club des Landes, Újpest dagegen immerhin als der älteste noch existierende. Das Budapester Derby wurde bereits unzählige Male ausgetragen, das heutige Spiel war dennoch ein besonderes, weil es das erste reguläre Liga-Derby im Puskás Ferenc Stadion war, in dem Ferencváros während des Umbaus des heimischen Stadion Albert Flórián seine Heimspiele austrägt.

Bereits weit mehr als eine Stunde vor Anpfiff war das wunderschöne Stadion gut gefüllt. Überraschend für mich war, dass auch der Gästeblock sich zusehends füllte. Trotz mäßiger Ungarischkenntnisse hatte ich der Tagespresse entnehmen können, dass die organisierten Ultragruppen bei Újpest das Spiel boykottieren wollten, um gegen die Einführung einer Fankarte ähnlich der Karta Kibica in Polen zu protestieren – ein Anliegen, das ich als durchaus verständlich empfinde. Es waren auch tatsächlich keine Gruppenbanner im Block zu erkennen und eine wirklich Choreo gab es – von einer Schalparade abgesehen – auch nicht. Ob die Ultras von Újpest nun wirklich nicht vor Ort waren oder ob doch zumindest einige von ihnen „privat“ angereist waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Support der vielleicht Tausend Leute im Gästeblock war jedoch zumindest zu Beginn des Spiels durchaus respektabel.

Wenn der Gästesupport jedoch respektabel war, dann war das, was die Heimseite darbot Ehrfurcht gebietend. Schon die Choreo über die gesamte Kurve zum Einlauf war Spitzenklasse und von der Durchführung her nahe an der Perfektion. Der folgende Support war abwechslungsreich, stimmgewaltig und wurde von wirklich der gesamten Kurve getragen. Weniger schön hingegen waren die antiziganistischen Beleidigungen von beiden Seiten und und auch die zwei „Großungarn“-Banner auf der Gegengeraden hätten echt nicht sein müssen.

Interessant anzusehen war, dass die Hools von Ferencváros fernab der Ultrakurve im den Gästefans am nächsten gelegenen Block standen und offensichtlich auch geneigt waren, von dieser strategischen Nähe Gebrauch zu machen. Die Stiernacken, die im Gegensatz zur Kurve nicht in Vereinsfarben, sondern fast durchweg schwarz gekleidet waren und sich vergleichsweise wenig am Support beteiligten, versuchten nämlich gleich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit – dem frühen, aber verdienten Führungstreffer der Gäste in der 4. Minute – einen Blocksturm. Die Ordner_innen konnten sie jedoch aufhalten. Für mich überraschend war zu diesem Zeitpunkt im gesamten Stadion keinerlei Polizei zu sehen, und auch in dieser Situation griff sie nicht ein. Das nenne ich mal tatsächlich deeskalativ.

Der Újpest-Block drehte nach dem Tor natürlich völlig durch. Die Gastgeber auf dem Feld und auf den Rängen schienen durch den Rückstand jedoch eher noch motiviert zu werden, denn beide drehten jetzt erst richtig auf. In der 25. Minute kam das Team zum mittlerweile ebenfalls verdienten Ausgleichstreffer, und spätestens jetzt war es ein wirklich sehr gutes Spiel, das sich nicht hinter den europäischen Topligen verstecken brauchte. In der 40. Minute dann hatte Ferencváros eine vierfache Großchance, wie ich sie bis jetzt so nur äußerst selten gesehen habe, doch Újpest konnte das Unentschieden bis zum Pausenpfiff halten.

In der Pause war in der Heimkurve zu sehen, dass es gleich wieder eine Choreo geben würde, die sich abermals als wirklich gut, wenn auch zumindest, zumindest was den Bastelteil angeht, weniger spektakulär als die erste herausstellte. Direkt im Anschluss jedoch brach die sprichwörtliche Hölle los und die gesamte Heimkurve verwandelte sich in ein einziges pyrotechnisches Inferno. Zwar hatte es auch vorher und sogar vor dem Anpfiff schon den einen oder anderen Böller und ein bisschen Pyro gegeben, doch das hier stellte locker fast alles in den Schatten, was ich in Deutschland jemals gesehen habe. Überall leuchtete, knallte und blitzte es minutenlang, während die ganze Kurve in Rauch und immer noch mehr Rauch gehüllt wurde. Dass dann just in diesem Moment Újpests Juanan ein Eigentor erzielte und so Fernecváros – oder Fradi, wie der Verein auch genannt wird – in Front brachte, war natürlich die Krönung und die Kurve legte pyrotechnisch nochmal eine Schippe drauf. Wer es nicht glaubt, kann gerne hier ein Video ansehen.

Spätestens als in der 77. Minute auch noch das 3:1 für die Gastgeber fiel, war die Stimmung auf den Rängen absolut ausgelassen – jedenfalls im Heimbereich. Der Újpest-Block dagegen begann langsam aber sicher auszuticken und auch die Fradi-Hools schienen richtig Bock zu haben. Bevor jedoch irgendetwas passieren konnte strömten urplötzlich und sagenhaft schnell Polizeiketten vor alle drei Kurven. Von der Ultrakurve zogen sie sich jedoch umgehend zurück, als sie merkten, dass dort eher Feiern als Randalieren angesagt war – auch hier wieder super deeskalativ die Cops. Vor dem Gästeblock wurden sie jedoch mit fliegenden Sitzschalen empfangen und antworteten prompt mit Pfefferspray. Kurz darauf stürmte die Polizei den Block und trieb alle Gästefans unsanft nach draußen. Die Hools auf der anderen Seite hatten es unterdessen tatsächlich geschafft zum Abpfiff des Spiels auf die Laufbahn vor dem Block zu gelangen. Doch statt Richtung Újpest und Polizei zu stürmen, liefen sie direkt zur Mannschaft und halfen den Spielern ihre Trikots auszuziehen. Jetzt kamen auch aus der Heimkurve Hunderte Fans auf das Spielfeld geströmt. Die Polizei jedoch war wachsam und verhinderte durch eine Kette einmal längs über das Spielfeld, dass es doch noch zu „Feindkontakt“ kommen konnte. Auch wenn es einigen sicher in den Fingern gejuckt haben wird, dürfte die Jubelarie auch ohne viele Handgreiflichkeiten allen Beteiligten noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich persönlich jedenfalls werde wohl noch auf Monate hinaus geflasht sein von meinem ersten Budapester Derby.

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Song zum Spiel: Daniel Sentacruz Ensemble – „Soleado“

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MTK Budapest – Paksi FC 2:0 (0:0)

Samstag, 21.09.2013, 18 Uhr, Hidegkuti Nándor Stadion, Budapest (Ungarn), Nemzeti Bajnokság I (8. Spieltag, 1. Liga, Männer)

Zuschauer_innen: 900

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Die Heimstätte von MTK Budapest, immerhin mit 23 Meisterschaften, zwei Pokalsiegen, zwei Siegen im Mitropapokal und etlichen Europapokalteilnahmen der zweiterfolgreichste Club des Landes nach Ferencváros, fällt eher in die Kategorie Bruchbude. Genau deswegen jedoch hatte ich mich fast schon in der Sekunde des Betretens in den Ground verliebt. Zwar ist es traurig, dass der Verein in der ersten Liga vor unter Tausend Zuschauer_innen spielt und sicher ist der Zustand des Stadions eher Ausdruck von Not als von Nostalgie, aber als jemand, der am Millerntor sozialisiert wurde und derzeit zumeist im Mommsenstadion anzutreffen ist, liebe ich Stadien wie dieses einfach.

Den rund fünf Kilometer langen Fußweg von der Innenstadt Budapests aus kann ich allerdings nur bedingt weiterempfehlen – zumal es auch eine Tram gibt. Wer einmal sehen will, wie viel Armut in einer europäischen Hauptstadt nur wenige Kilometer vom Regierungssitz entfernt möglich ist, ist hier jedoch an genau der richtigen Adresse. Wirklich wohl fühlte ich mich nicht in meiner Haut, als ich dort durch die Straßen stiefelte, nur grob wissend, wo es lang geht und auffallend wie ein bunter Hund. Immerhin wusste ich ja nicht, ob in Budapest Tourist_innen genauso ungerne gesehen sind wie in Berlin. Zwar wurde ich drei Tage später am Späti – oder ABC, wie es hier heißt – tatsächlich getreten und bepöbelt, aber mangels Sprachkenntnissen weiß bis heute nicht wieso. Budapest gilt ja als eine der sichersten Hauptstädte Europas. Gleichzeitig jedoch wählen dort rund zwei Drittel der Menschen mehr oder weniger offen rassistische Parteien. Anzunehmen, dass „Fremde“ hier und da nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden, liegt da durchaus nahe.

Bei MTK jedoch fühlte ich mich von Anfang an willkommen. Vielleicht ist ja tatsächlich etwas dran an der Geschichte, dass der Verein mit den Wurzeln im Bürgertum und der jüdischen Community weniger schlimm ist als die anderen großen Vereine der Stadt. Transparente der Gäste aus der Kleinstadt Paks jedenfalls, die sich gegen Rassismus richteten, wurden von den Zuschauer_innen auf der Heimseite, die über die ganze Haupttribüne verteilt saßen und ansonsten in etwa genauso still waren wie der Gästeanhang, beklatscht und bejubelt. Na immerhin…

Das Spiel selbst pendelte über weite Strecken vom Niveau her irgendwo zwischen 3. Liga und Regionalliga Nordost. Da aber beide Teams, obwohl sie in der Tabelle nicht gerade Nachbarn sind, in etwa gleich stark waren, war es trotzdem ein unterhaltsames Spiel. Die Gastgeber, die, wenn es so weiter geht, wohl gegen den Abstieg spielen werden, waren jedoch spätestens in der zweiten Hälfte das bessere Team. Vor allem Tibor Ladány und Patrik Vass auf den Flügeln machten eine gute Partie. Wer auf dem Spielfeld wer war, konnte ich mir zum Glück erschließen, weil ich tags zuvor das ziemlich gute Saisonspecial des Nemzeti Sport Magazin für umgerechnet gerade mal zwei Euro gekauft hatte. Ob die Gäste jetzt aber Paksi FC, Paksi SE oder MVM-Paks hießen, was ich alles irgendwo gelesen hatte, konnte ich nicht herausfinden. Für den Spielverlauf ist es aber auch egal. Dort gab es zumindest nach der Pause gut was zu sehen. Kurz nach Wiederanpfiff und erneut kurz vor Schluss machte MTK dann zwei Tore und damit den Außenseitersieg perfekt. Vor allem das zweite Tor, das Zsolt Pölöskei aus der Distanz besorgte, war ein echter Hingucker.

Nach dem Spiel leerte sich das Stadion schnell und auch ich machte mich auf den Heimweg. Diesmal jedoch ging es zu Fuß entlang der Schnellstraße zur Metrostadion am Puskás Ferenc Stadion, wo ich ja am Tag drauf noch das Derby zwischen Ferencváros und Újpest sehen wollte. Schon beim Gedanken daran kribbelte die Vorfreude in mir, aber auch das eben Erlebte machte mich selig. Guter Fußball, entspannte Fans, schönes Stadion. Viel mehr kann mensch eigentlich nicht verlangen…

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Song zum Spiel: Plaided – „Oh My Dog“

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Csepel FC – Ferencváros TC 1:14 (0:5)

21.09.2013, 11 Uhr, Csepel SC Stadion (Nebenplatz), Budapest (Ungarn), Női Magyar Kupa (Pokal, 2. Runde, Frauen)

Zuschauer_innen: 20

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Csepel ist ein auf einer Insel in der Donau gelegener Bezirk im Süden Budapests. Vom Zentrum aus ist es mit Tram und Bus etwa eine Dreiviertelstunde bis dort hin. Wenn mensch genau weiß, wo welcher Bus fährt und beim Umsteigen Glück mit den Wartezeiten hat, geht es vielleicht auch in eine halben. Die Gegend ist ein ehemaliges Zentrum der Schwerindustrie und entsprechend stark von seiner Geschichte als Arbeiterviertel geprägt. Im Klartext heißt das Wohnblock neben Wohnblock neben Wohnblock. Dazu gesellen sich neuerdings zahlreiche Wandplaketten und Denkmäler, die an nationale Held_innen und an Großungarn erinnern, aber das ist momentan wohl überall in diesem Scheißland so. Wirklich erfolgreich war der Verein, bei dem einst der spätere Bayern-Trainer Pál Csernai kickte, nur in den 1940ern und 1950ern, als er immerhin viermal Ungarischer Meister werden konnte. Heute dagegen spielen die Männer in der dritten, die Frauen immerhin in der zweiten Liga. Das Stadion allerdings versprüht noch immer den mittlerweile etwas rostigen Charme alter Tage. Das heutige Pokalspiel jedoch wurde leider nicht dort, sondern auf einem Nebenplatz ausgetragen. Dabei kam mit Ferencváros ein Verein, dessen Männerteam seit quasi immer zu den Besten Ungarns gehört und dessen Frauenteam auch erstklassig spielt. Der Klassenunterschied machte sich auch auf dem Feld sofort bemerkbar. Bereits nach sieben Minuten stand es 0:1, zur Halbzeit bereits 0:5. Das Spiel fand über weite Strecken nahezu ausnahmslos in der Hälfte von Csepel statt und die Torhüterin der Gäste verbrachte mehr Zeit außerhalb des eigenen Sechzehners als darin. Zur Halbzeit kam dann Petra Krascsenics für Dorina Derzsényi und machte mal eben sieben Tore. Am Ende stand es 14:1 für die Gäste. Den Ehrentreffer erzielte Emília Aténé Görög, die kurioserweise bis in die zweite Hälfte hinein als Torhüterin gespielt, dann aber die Rollen mit einer ihrer Feldspielerinnen getauscht hatte, weil sie wohl keine Lust mehr hatte, ständig hinter sich greifen zu müssen. Beste Spielerin bei Csepel war allerdings Nikolett Balogh, die anfangs zwar eher wegen ihrer wasserstoffblonden Haare auffiel, in der zweiten Hälfte jedoch einige schöne Kunststückchen am Ball zeigte. Gegen das erstaunlich junge, aber sehr kompakt agierende und durchweg technisch hervorragende Team von Ferencváros hatte Csepel zu keinem Zeitpunkt auch nur den Hauch einer Chance. Neben der Toptorschützin Krascsenics fiel dabei vor allem Kata Lívia Ferencz auf, die auf dem rechten Flügel wirklich gute Arbeit ablieferte und ein gutes Gespür für freie Räume zeigte. Am Ende war das Spiel zwar sehr einseitig, aber als Gesamtpaket mit Bummel durch Csepel war der Ausflug dennoch eine gelungene Sache.

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Song zum Spiel: Beck – „Loser“

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